EinhornGesellschaft
Marian Kretschmer 2017

Perfid:
Maßlos und gierig rennen die Menschen dem Leben hinterher. Sie sehnen sich nach Gefühlen. Sie sehnen sich nach Sicherheit. Aus Angst, sich zu isolieren, konsumieren sie alles, was ihnen die Sinne stumpf werden lässt. Über den ihnen geschenkten inneren Reichtum legen sich die aufgetischten Formeln nach mehr Lustgewinn. Sie brechen mit ihrem wahren Wesen.

Perfid:
Die wachsende Gesellschaft ist eine perfekt erscheinende nihilistische Illusion, die real gelebt wird. Leben im Moment heißt:
Sicherheit beim fühlen erleben und erleben von Gefühlen in Sicherheit. Gefahren und Schmerz werden ausgeblendet. Es wird nichts Reales, nichts Tiefes, nichts Gefährliches oder Göttliches zu finden sein. Es wachsen nur Wut und Hass auf die Täuschungen, die wir im Außen erleben.

Perfid:
Der Mensch möchte das Leben erleben, ohne sich wahrhaft auf das Leben einzulassen.
Obwohl es im Denken jedem vertraut und verständlich ist: Das Leben ist lebensgefährlich.

Perfid:
In ihrer Angst vor ihrem wahren Wesen sind die Menschen laut, schwemmen sich auf mit künstlichen Emotionen, erklären hysterisch, dass sie Dieses und Jenes sind. Damit sie nicht feststellen müssen, das sie eigentlich Nichts sind.

Perfid:
Nur im Erkennen und Fühlen der eigenen Nichtigkeit und in der ehrlichen Annahme des empfangenen Schmerzes darüber, wird die wahre Freiheit geboren. Im Keim erstickt sie, wenn das eigene Ego und die eigene Sicherheit wichtiger sind.

Perfid:
Es speisen sich Religionen, selbsternannte Heiler, Gurus vom ewigen Sehnen der Menschen nach tiefen Gefühlen, nach Gemeinschaft. Die Menschen stehen Schlange an ihren Türen, da sie nicht bereit sind, selbst die Verantwortung für sich zu übernehmen. Es bleiben ein gegenseitiges Lecken, Massieren, Beräuchern und Streben nach einem konstruierten Hier und Jetzt, dem ultimativen Kick, dem großen Fest der Gefühle. Alles Hoffen und Wünschen muss klar definiert sein und manifestierte Berechenbarkeit besitzen. Es gelüstet nach spiritueller Entfaltung zum ganzen Universum, aber nicht ohne Rettungsweste und Reiserückflugversicherung.

Perfid:
Jede Handlung muss einem Willem unterworfen sein. Es kann dem allgemeinen Denken nach keine willenlose Handlung geben. Dem Kind wird sein Wille schnell gebrochen, wenn er nicht in unsere vorgedachte Lebenskonstruktion passt. Bleibt das Kind in seinem Fühlen unverstanden, kommen diese Erfahrungen ersten Einbrüchen in die Freiheit gleich. Spontanität und lustvolles Spielen mit den Möglichkeiten, darin kann der Mensch nur ein Verräter, Schmarotzer, Dieb oder Gauner sein.

Perfid:
Menschen brauchen das Wissen von anderen, um selber zu wissen, ob sie fühlen dürfen wie sie fühlen.

Perfid:
Menschen weinen um das nicht Gelebte. Wozu denkt der Mensch sich ein Leben aus, was von ihm nicht gelebt wurde? Warum lebt er nicht das Leben, was er leben darf? Es bleibt allzuoft die Beschäftigung mit seinen zurückliegenden Leben und allem, was darin in der selbst gestalteten Erinnerung wundervoll und schrecklich war. Hexe, Magier, Prostituierte, König, Sklave, Ameise, … jetzt sind wir Einhörner. Die größten, stärksten und schönsten. Wir wollen alles gewesen sein und vor allem die Auserwählten!

Perfid:
Du möchtest, dass ich dich nehme. Du möchtest mir nicht sagen, dass du mich willst. Du willst verführt werden. Du willst, dass deine Absicht nicht klar ist, und dazu soll ich Dich nehmen. Du willst das Opfer sein in der Begegnung. Du willst nicht erhobenen Hauptes als Frau, als Mann, zu deiner Lust stehen. Nein, der Rausch soll entführen, die Betäubung soll vernebeln. Die Lust soll dir aufgezwungen werden, so das du immer auf mich zeigen kannst. Dass du nie an was Schuld hattest. Dass du nie die Verantwortung für dein Leben tragen musst. Dass es keine Begegnung auf Augenhöhe gab. Weil du so denkst, bleibst du unschuldig, denkst du. Aber du machst dich darin zum Täter, weil du mich zum Täter machen willst. Weil du dich nicht traust, mich öffentlich von Angesicht zu Angesicht zu begehren. Weil du einem Einhorn gleichen willst: zart, schön, rein und einzigartig. Über alles erhaben.

Perfid:
Wer möchte wahrhaft Mensch sein?
Durch deine Feigheit folgst du einer langen Tradition und schürst eine scheinbar endlose Tragödie. Eine Tragödie aus Leidenschaft, Schuld, Sühne und Schmerz. Das ewige Drama zwischen Opfer und Täter. Erlösung wird niemand finden. Ein ‚Happy End‘ wird es nicht geben. Es wird keine Liebe in deinem Leben wahrhaft erblühen können. Und somit auch nicht in anderen Leben. So lange nicht, wie wir uns in unseren Taten und Leiden unterwerfen.

Perfid:
Im Leid zu leben, ist Abkehr von einem göttlichen Plan. Selbstmasturbation an seiner eigenen Unterwerfung. Mitleid haben nur die Tatenlosen. Sie führen lieber ein Leben als Einhorn. Zynisch und voller Ironie.

Wer möchte schon wahrhaft Mensch sein?

Treppen und Türen. Türen und Treppen. Wir sind eine Gesellschaft aus Einhörnern. Wir galoppieren Treppen auf und ab, in Eile, und rennen noch jede Tür mit unserem golden Horn ein, bevor wir sehen, hören, fühlen, lieben. Wir sind die Auserwählten. Die Stolzen, die Goldenen, die Coolen, die Bling-Bling- und Spring-Break-Generation, die sich nicht mit der Welt in Demut verbinden muss, weil wir ja so unabhängig sind. Wir sind die Generation, die die Wirklichkeit – Gefühle, Ländereien, Kultur, Beziehungen, Sex, Familie und Mutter Natur – kontrollieren und sich erkaufen möchte.

Perfid:
Wir konditionieren Monogamie. Dabei ist unser Leben ein einziges Fremdgehen, ein Wort- und Treuebrechen. Wir vermögen es nicht, uns wahrhaft zu begegnen und zu lieben.

Perfid:
Das Leben: ein erschöpfender Tanz, nur weil wir uns für regenbogenfarbige, kristallbesetzte, schillernde Einhörner halten.

Wer möchte wahrhaft Mensch sein? Ich will doch schon immer ein Einhorn sein.

Marian Kretschmer, 12. August 2017

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Ein Gedanke zu “Die Einhorn-Gesellschaft

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